2025S

Was ist Kapitalismus?

Antonia Birnbaum
Institut für Kunstwissenschaften, Kunstpädagogik und Kunstvermittlung, Philosophie
2025S, wissenschaftliches Seminar (SEW), 4.0 ECTS, 2.0 SemStd., LV-Nr. S05375

Beschreibung

Dieses Seminar (Sprache: Englisch, Deutsch) nimmt die Form eines Workshops an, in dem alle Doktoranden ein " work in progress" vorstellen und eine breite Diskussion  mit allen interessierten Studierenden entstehen kann. Der Workshop baut auf die Unterstüztung von Kolleginnen und Kollegen ( Holmes, Kukulejevic, Nolz) auf und gibt sozusagen Einblick in eine Arbeitstätte, in eine Frage, die uns alle beschäftigt.

Es gibt eine Vorbesprechung, die den zweitägige Workshop vorbereitet.

Die Prüfung besteht im Protokollieren eines der Beiträge.

Was ist Kapitalismus?

Ein schauerlicher, universeller Alptraum, ein krisenhaftes System der Verwertung, das strukturell seine eigenen Grenzen durch ihre Reproduktion erweitert, und so unablässig auf alle Vorgänge, sowohl menschliche wie nicht-menschliche übergreift, ein Feind, den es zu identifizieren gilt?

Von Marx wird Kapitalismus nicht einheitlich begriffen, sondern durch eine Reihe von Spannungen, die zu verschiedentlichen Umsetzungen geführt haben. Doch ist für ihn die Intelligibilität des Kapitals nie Selbstzweck gewesen. Mehr noch: seine Herrschaft kann nur seitens derer die ihn bekämpfen entschlüsselt werden. Der Begriff von Kapitalismus kann laut Marx unmöglich rein theoretisch begründet werden, da er immer auf ein antagonistisches Kräfteverhältniss der kapitalistischen und der arbeitenden Klasse verweist, das direkt in den Gesetzen des Kapitals mit reinspielt. Diese immanente Spaltung all seiner Bestimmungen erheischt nicht nur ein kritisches Umschreiben der Kategorien der politischen Ökonomie, nämlich das Gesetz des Mehrwerts und der “sogenannten” ursprünglichen Akkumulation so wie Geld, Arbeitskraft, Privateigentum, Produktionsverhältnisse, Produktionskräfte, usw. Weiter bedeutet sie das Kapitalismus eine Form von Politik ist, deren Spezifikum darin besteht, genau vergessen zu machen, dass sie eine Politik ist.

Wie schlägt sich dieses Vergessen in den „klassischen“ Problemen der Philosophie nieder, wie verlangt politische Ökonomie ihre Umorientierung? Im Sinne dieses Vergessens erweitert sich die Perspektive, sowohl was den Geltungsbereich des Kapitalismus, was seine Differenzierung, was die Konjunkturen seiner Krisenhaftigkeit betrifft. So häufen sich die Fragen: Was tut Kapitalismus der Ontologie an? Wie verschränkt sich Kapitalismus mit dem modernen Begriff von Wissenschaft? Wie gestaltet sich in ihm Staatsmacht? Wie nimmt er Begehren und Genuss des Subjekts in Anspruch, wie beeinträchtigt er sie?

Es gibt heute keinen eindeutigen, verfügbaren Namen wie „Proletariat“, der als Name einer antagonistischen Klasse gegenüber der kapitalistischen fungieren könnte. Weiter haben sich die Machtmechanismen des Kapitals vervielfältigt und vermengt, ohne sich jeweils abzulösen. Formen der kriegerischen, staatlich souveränen Herrschaftsausübung kombinieren sich mit dem Murmeln der globalen Gerüchtemaschinen, Diskurse der Lebensoptimierung oder des „Sicherheitsbedürfnisses“ gestalten die Normierung der Subjektivitäten, die Differenz von Infra-und Superstruktur verblasst, usw.

Die kapitalistische Produktion durchdringt materiell alle institutionellen, geographischen, psychischen, nationalen, sozialen Verhältnisse, die er ergreift, und doch ist sein intrinsisch parasitärer Charakter von diskontinuierlichen Spannungen bestimmt: Spannungen zwischen der „sogenannten“ primitiven Akkumulation und der Ausbeutung, zwischen formeller und reeller Subsumption, zwischen Reproduktion und Produktion. Wie sein kolonialer Raub, wie seine Eingriffe im Metabolischen der Natur, wie seine Verrichtungen des Patriacharts in Zusammenhang gebracht werden hängt von den Aufschlüsselungen dieser Diskontinuitäten ab.

Die historischen Periodisierungen des Kapitalismus sind Objekt von unzähligen Streitigkeiten. Hier wird summarisch festgehalten, dass unsere Gegenwart eine Zeit des „Hochkapitalismus“ darstellt, deren Globalität nihilistisch geprägt ist. Der Begriff Global bezeichnet die Modalität der realen Abstraktion, in der wir leben, und die Gayatri Spivak zugespitzt formuliert hat: „Globalisierung findet nur in Kapital und in Data statt. Alles andere ist Schadensbegrenzung“; wohl müsste man auch das was implizit mitschwingt erwähnen, nämlich der Krieg. Nihilismus gehört wesentlich zum Kapitalismus, wie es schon Das Kommunistische Manifest beobachtet; doch seine entgrenzende Zerstörung besetzt nunmehr die Zukunft selbst, qua finanzielle Schuld, Klimakatastrophe, dauerhafte Kriegszustände, Genozid.

Dieser Workshop arbeitet mit einer Hypothese, der sie aus verschiedenen widerstrittigen Traditionen übernimmt, der erste Operaismus, die Axiomatik der Gleichheit, der Maoismus, und die selbst ein Objekt des Disputs ist. Wohl mag der Name Proletariat seine Schlagkraft verloren haben. Nichtsdestoweniger gilt weiter die mit Marx gewonnene Einsicht, dass immer zwei Tendenzen des Antagonismus im Kapitalismus am Werk sind. Die des Kapitalismus selbst wirkt übergreifend, die seiner Kritik wirkt spaltend. Oder anders gesagt: einzig das Entreißen aus der Objektivierung des kapitalistischen Systems, einzig die Abspaltung des Subjektiven aus seiner dialektischen Integration in einem widersprüchlichen Ganzen, befähigt es, diese Widersprüchlichkeiten auch wirklich als Antagonismen zu erkennen.

Pointiert formuliert: eine solche „partiale“ subjektive Abspaltung konstituiert eine epistemologische Bedingung, um den antagonistischen Charakter des Kapitalismus zu eruieren. Diese „Partialität“ wiederum ordnet sich nicht dem Schein eines vermeintlich neutralen „mehrseitigen“ „liberalen“ Meinungsaustausches, sie erprobt das Diskontinuierliche von Wissen und Wahrheit, das deren Neutralität durchbricht.

Die Beiträge in diesem Workshop können sich entweder auf einen der hier genannten Aspekte beziehen oder den skizzierten roten Faden konfrontieren. Der Workshop soll den Fortschritt der Doktorand*innen unterstützen und sie in Kontakt mit interessierten Studierenden bringen.

 

 

Qu'est-ce que le capitalisme ?

 

Un cauchemar effrayant, universel, un système de valorisation qui repousse structurellement ses propres limites par sa reproduction, s'étendant incessamment à tous les processus, humains et non humains, un ennemi à identifier ?

Marx ne conçoit pas le capitalisme de manière uniforme, mais à travers une série de tensions qui ont conduit à des reprises divergentes. Pour lui, l'intelligibilité du capitalisme n'a jamais été une fin en soi. Plus encore, sa domination ne peut être décryptée que par ceux qui le combattent. Selon Marx, le concept de capitalisme ne peut pas être fondé de manière purement théorique, car il renvoie toujours à un rapport de force antagoniste entre la classe capitaliste et la classe ouvrière, lequel est directement impliqué dans les lois du capital. Cette scission immanente de toutes ses dispositions n'exige pas seulement une réécriture critique des catégories de l'économie politique, à savoir la loi de la plus-value et l’accumulation « dite » primitive, l'argent, la force de travail, la propriété privée, les rapports de production, les forces de production, etc. Elle signifie également que le capitalisme est une forme de politique dont la spécificité consiste précisément à faire oublier qu’elle est une politique.

Comment cet oubli se répercute-t-il dans les problèmes « classiques » de la philosophie, comment l'économie politique requiert-elle leur réorientation ? Selon cet oubli, la perspective s'élargit, tant en ce qui concerne le champ intensif et extensif du capitalisme, sa différenciation, que les conjonctures de sa logique de crise. Ainsi, les questions se démultiplient : que fait le capitalisme à l'ontologie ? Comment le capitalisme s'imbrique-t-il avec le concept moderne de science ? Comment le pouvoir d'État s'organise-t-il en son sein ? Comment s'empare-t-il du désir et de la jouissance du sujet, comment les affecte-t-il ?

Il n'existe pas aujourd'hui de nom clair et disponible tel que « prolétariat », qui pourrait fonctionner comme le nom d'une classe antagoniste par rapport à la classe capitaliste. De plus, les mécanismes de domination du capital se sont multipliés et mélangés, sans pour autant se succéder. Les formes de pouvoir guerrière et souveraine de l'État se combinent avec le murmure des machines à rumeurs mondiales, les discours d'optimisation de la vie ou du « besoin de sécurité » façonnent la normativité de l’assujetissement, la différence entre infra- et superstructure s'estompe, etc.

La valorisation capitaliste pénètre matériellement tous les rapports institutionnels, géographiques, psychiques, nationaux, sociaux qu'elle saisit, et pourtant son caractère intrinsèquement parasitaire est déterminé par des tensions discontinues : discontinuités entre l'accumulation « dite » primitive et l'exploitation, entre la subsomption formelle et réelle, entre la reproduction et la production. La mise en relation de la prédation coloniale, des empiètements sur le métabolisme de la nature, de la configuration du patriarcat, dépend de la manière dont sont déchiffrées ces discontinuités.

Les périodisations historiques du capitalisme font l'objet d'innombrables querelles. Nous retiendrons ici sommairement que notre présent constitue une période de « l’apogée du capitalisme » dont la globalité est marquée par le nihilisme. Le terme global désigne la modalité de l'abstraction réelle dans laquelle nous vivons, et que Gayatri Spivak a formulée de manière prégnante : « La globalisation n'a lieu que pour le capital et le data. Tout le reste n'est que limitation des dégâts ». Sans doute faudrait-il ajouter son implicite, la guerre. Le nihilisme fait partie intégrante du capitalisme, comme l'observait déjà Le Manifeste communiste ; mais sa destruction illimitée s’étend désormais à l'avenir lui-même, selon la dette financière, la catastrophe climatique, les états de guerre durable, le génocide.

Cet atelier travaille avec une hypothèse qu'il emprunte à différentes traditions, le premier opéraïsme, l'axiomatique de l'égalité, le maoïsme, et qui fait elle-même l'objet d’une dispute. Le nom de « prolétariat » a sans doute perdu son ressort. Néanmoins, l'idée acquise avec Marx selon laquelle deux tendances de l'antagonisme sont toujours à l'œuvre dans le capitalisme reste pertinente. Celle du capitalisme lui-même agit par subsomption, celle de sa critique agit par scission. En d'autres termes, seul l'arrachement à l'objectivation du système capitaliste, seule la séparation du subjectif de son intégration dialectique dans un tout contradictoire permet de réellement reconnaître ces contradictions comme des antagonismes.

Pour le formuler de manière tranchante : la scission subjective « partiale » est la condition épistémologique pour concevoir le caractère antagoniste du capitalisme. A son tour, cette « partialité » ne s’ordonne pas à l'apparence de la doxa, de sa pluralité « libérale » supposée neutre, elle met à l'épreuve le discontinu du savoir et de la vérité, lequel rompt cette neutralité.

 Les interventions dans ce workshop peuvent s’emparer indifféremment d’un des aspects nommés ici, ou encore confronter le fil conducteur esquissé. Destiné à des doctorants, ce workshop se veut un soutien aux avancements des travaux des uns et des autres.

Prüfungsmodalitäten

Die Prüfung besteht im Protokollieren eines der Beiträge.

(8-10 Seiten)

Termine

09. Mai 2025, 15:00–17:00 Seminarraum 21 (Vorbesprechung)
23. Mai 2025, 09:30–20:00 Seminarraum 21 , „Workshop“
24. Mai 2025, 09:30–15:30 Seminarraum 21 , „Workshop“
06. Juni 2025, 00:00–20:00, „mögliche Nachbesprechung“

LV-Anmeldung

Von 03. Februar 2025, 00:00 bis 31. Mai 2025, 14:27
Per Online Anmeldung

Lehramt: Unterrichtsfach kkp (Bachelor): Wissenschaftliche Praxis: FOR: Lehrveranstaltungen nach Wahl aus Wissenschaftliche Praxis 067/003.80

Lehramt: Unterrichtsfach kkp (Bachelor): Wissenschaftliche Praxis: IT: Bachelorseminar Wissenschaftliche Praxis 067/003.85

Lehramt: Unterrichtsfach kkp (Master): Wissenschaftliche Praxis: Lehrveranstaltung nach Wahl aus wissenschaftlicher Praxis, SE 067/003.80

Lehramt: Unterrichtsfach kkp (Erweiterungsstudium): Wissenschaftliche Praxis: FOR: Seminar aus dem Bereich Kunst- und Kulturwissenschaften 067/003.25

Lehramt: Unterrichtsfach kkp (Erweiterungsstudium): Wissenschaftliche Praxis: FOR: Lehrveranstaltungen nach Wahl aus Wissenschaftliche Praxis 067/003.80

Lehramt: Unterrichtsfach tex (Master): Wissenschaftliche Praxis: Lehrveranstaltung nach Wahl aus wissenschaftlicher Praxis, SE 071/003.80

Lehramt: Unterrichtsfach dae (Master): Wissenschaftliche Praxis: Lehrveranstaltung nach Wahl aus wissenschaftlicher Praxis, SE 072/003.80

Lehramt: Unterrichtsfach dex (Bachelor): Wissenschaftliche Praxis: FOR: Lehrveranstaltungen nach Wahl aus Wissenschaftliche Praxis 074/003.80

Lehramt: Unterrichtsfach dex (Bachelor): Wissenschaftliche Praxis: IT: Bachelorseminar Wissenschaftliche Praxis 074/003.85

Lehramt: Unterrichtsfach dex (Master): Wissenschaftliche Praxis: Lehrveranstaltung nach Wahl aus wissenschaftlicher Praxis, SE 074/003.80

Lehramt: Unterrichtsfach dex (Erweiterungsstudium): Wissenschaftliche Praxis: FOR: Seminar aus dem Bereich Kunst- und Kulturwissenschaften 074/003.25

Lehramt: Unterrichtsfach dex (Erweiterungsstudium): Wissenschaftliche Praxis: FOR: Lehrveranstaltungen nach Wahl aus Wissenschaftliche Praxis 074/003.80

TransArts - Transdisziplinäre Kunst (Bachelor): Theoretische Grundlagen: Theoretische Grundlagen 180/003.01

Expanded Museum Studies (Master): Wahlfächer: Philosophie 537/080.18

Bühnengestaltung (2. Studienabschnitt): Kunsttheorie und Kulturwissenschaften: Philosophie 542/207.04

Medienkunst: Transmediale Kunst (2. Studienabschnitt): Wissenschaft, Theorie und Geschichte : Philosophie 566/208.08

Medienkunst: Digitale Kunst (2. Studienabschnitt): Wissenschaft, Theorie, Geschichte: Philosophie 567/208.08

Kunst- und Kulturwissenschaften (Master): Wahlbereich 1: Philosophie 568/005.07

Kunst- und Kulturwissenschaften (Master): Wahlbereich 2: Philosophie 568/006.07

Cross-Disciplinary Strategies (Master): Studienfelder 4-6: Studienfeld 4: Philosophie 569/022.04

Design: Kommunikationsdesign (2. Studienabschnitt): Methodische und theoretische Grundlagen: Geistes- und Kulturwissenschaften 577/203.02

Konservierung und Restaurierung (2. Studienabschnitt): Geisteswissenschaften: Kunst- und Kulturgeschichte 588/204.10

Bildende Kunst (2. Studienabschnitt): Wissenschaftliche und forschende Praxis: Kunsttheorie, Kulturwissenschaften, Kunstgeschichte, Philosophie 605/202.01

Bildende Kunst (2. Studienabschnitt): Wissenschaftliche und forschende Praxis: frei wählbar aus wissenschaftliche und forschende Praxis 605/202.80

Design: Angewandte Fotografie und zeitbasierte Medien (2. Studienabschnitt): Methodische und theoretische Grundlagen: Geistes- und Kulturwissenschaften 626/203.02

Cross-Disciplinary Strategies (Bachelor): Philosophie: Vertiefungs-/Anwendungsphase 700/003.20

Mitbelegung: möglich

Besuch einzelner Lehrveranstaltungen: möglich