Art Critiques / Arbeitsbesprechungen - A Guide for the Perplexed

Moriz Stangl
Institut für Kunstwissenschaften, Kunstpädagogik und Kunstvermittlung, Kunsttheorie
2026S, wissenschaftliches Seminar (SEW), 4.0 ECTS, 2.0 SemStd., LV-Nr. S05949

Beschreibung

Eine Arbeitsbesprechung ist ein komischer Raum: Wir zeigen etwas, ohne wirklich zu wissen, was wir damit aussagen, und erkennen oft erst durch die Reaktionen der anderen, was wir ausgesagt haben, ohne es zu wissen. Auf der anderen Seite beurteilen wir Arbeiten, ohne im Vorhinein klare Kriterien für unser Urteil angeben zu können. Eine Arbeitsbesprechung kann sich stundenlang hinziehen, ohne dass etwas Sinnvolles gesagt wird. Sie kann unerwartete Wendungen nehmen, in der vermeintlich nebensächliche Dinge wichtig erscheinen. Sie kann intim sein und zu intim, hierarchisch und zu wenig hierarchisch. Sie kann empathisch sein und gewaltsam, und manchmal beides zugleich.

James Elkins beschreibt am Anfang seines Buchs „Art Critique. A Guide“ eine Anekdote aus einer Arbeitsbesprechung, in der einer der supervisor nach einer Performance sagt: “You know, you have very hairy legs.” – woraufhin ein lebendiges Gespräch über Beinhaare und Rasieren entsteht: „What amazed me, and continues to amaze me, is that there was no sense that the conversation had strayed off topic. It is an art critique, I thought: a place where all possible subjects are permitted, all at once. There are no rules. It was one of the strangest conversations I had ever been part of.” Diese Anekdote zeigt die Doppelbödigkeit im Format der Arbeitsbesprechung auf: „A place where all possible subjects are permitted“ kann befreiend sein. Gleichzeitig bietet die Unterbestimmtheit des Formats Möglichkeiten für Machtmissbrauch und macht es schwer, übergriffiges und manipulatives Verhalten zu erkennen: Ein Kommentar über Beinbehaarung kann eine wichtige und hilfreiche Intervention sein, oder einfach nur eine sexistische Machtdemonstration – oder beides. Die Unbestimmtheit der Gesprächssituation erlaubt es nur individuell und oft nur im Nachhinein die Grenze zwischen beiden zu ziehen.

In diesem Seminar wollen wir uns der „Arbeitsbesprechung“ von zwei Seiten nähern: Ausgehend von der Arbeitshypothese, dass die Besonderheiten der Arbeitsbesprechung nicht zufällig sind, sondern in den konzeptuellen und institutionellen Bedingungen moderner und zeitgenössischer Kunst liegen, wollen wir uns einerseits mit den historischen Rahmenbedingungen der Akademie und den ästhetischen Begriffen auseinandersetzen, die das spezifische Format der Arbeitsbesprechung ermöglichen. Zweitens wird es Raum geben, uns mit unseren eigenen Erfahrungen auseinandersetzen, und verschiedene Praktiken, Methoden und Erfahrungswerte auszutauschen, einen Umgang mit der Unterbestimmtheit von Arbeitsbesprechungen zu finden. Dabei kann es z.B. darum gehen, wie wir eine Sensibilität für strukturelle Gewalt kultivieren, ohne dabei den Möglichkeitsraum zu verschließen, in dem die besondere Kraft der Arbeitsbesprechung liegt.

Für diese doppelte Reflexionsarbeit werden wir uns nach Bedarf anschauen, welche Methoden in anderen Feldern entwickelt wurden, um unterbestimmte Situationen zu schaffen oder mit ihnen zu arbeiten: Diese spannen sich von der phänomenologischen Reduktion und Epoché in der Philosophie, über die Regeln der freien Assoziation und der gleichschwebenden Aufmerksamkeit in der Psychoanalyse, hin zu Praktiken des radical listening in der rassismus- und sexismuskritischen Arbeit.

Dabei kann es z.B. darum gehen, wie wir eine Sensibilität für strukturelle Gewalt kultivieren, ohne dabei den Möglichkeitsraum zu verschließen, in dem die besondere Kraft der Arbeitsbesprechung liegt.

Für diese doppelte Reflexionsarbeit werden wir uns nach Bedarf anschauen, welche Methoden in anderen Feldern entwickelt wurden, um unterbestimmte Situationen zu schaffen oder mit ihnen zu arbeiten: Diese spannen sich von der phänomenologischen Reduktion und Epoché in der Philosophie, über die Regeln der freien Assoziation und der gleichschwebenden Aufmerksamkeit in der Psychoanalyse, hin zu Praktiken des radical listening in der rassismus- und sexismuskritischen Arbeit.

Prüfungsmodalitäten

Bei der Erbringung von Studienleistungen sind den Studierenden alle Freiheiten gewährt, die Ihnen ihre Studienordnungen erlauben: Von wissenschaftlichen, essayistischen bis hin zu künstlerischen Formaten – die wichtige Frage dabei ist: Welches Format ist das beste Mittel, um meine Fragen zu verhandeln?

Selbstverständlich gibt es die Möglichkeit einer kunsttheoretischen Hausarbeit. In unserem Seminar wird aber auch die persönliche Reflexion eine große Rolle spielen zu Fragen: Wie waren unsere Erfahrungen in Arbeitsbesprechungen? Wie würden wir Arbeitsbesprechungen gerne gestalten? Daher sind auch andere Formate möglich, z.B. eine persönliche Reflexion in Form eines Essays, Interviews mit Kolleg*innen und Dozent*innen, oder auch eine alternative Methode für Arbeitsbesprechungen mit Kolleg*innen ausprobieren. 

Für Studierende, denen Schreiben schwerfällt, gibt es auch die Möglichkeit einer mündlichen Prüfung.

Anmerkungen

Durch das Blockformat können selbstverständlich Überschneidungen mit anderen Seminaren entstehen. Daher werde ich Fehlzeiten sehr kulant handhaben, und bei hohen Fehlzeiten genügend Möglichkeiten für Kompensationsleistungen geben. Gerne Probleme mit mir persönlich absprechen, dann können wir individuelle Lösungen finden.

Die Kurssprache ist deutsch. Die Literatur ist auf Englisch. Man muss aber nicht deutsch sprechen können, um am Seminar teilzunehmen. Ich gebe mein Bestes, damit Teilnehmer*innen, deren Muttersprache nicht deutsch ist, am Seminar teilnehmen können. Ihr könnt auf englisch sprechen, und ich werde auf englisch antworten. Wichtige Erklärungen wiederhole ich auf englisch. Erfahrungsgemäß switchen viele Kursteilnehmer*innen zwischen Deutsch und Englisch hin und her.

 

Schlagwörter

Arbeitsbesprechung, Art Critique, Critique, Institution, Reflection, macht, power, crit, James Elkins, Kunstinstitution, Kunstakademie, Reflexion, crit session, methods, method, discourse, Diskurs, Kunstdiskurs, Werkbesprechung, Beurteilung, Elkins

Termine

13. März 2026, 16:00–18:00 (Vorbesprechung)
13. April 2026, 11:00–16:00 Seminarraum 25
14. April 2026, 16:00–18:00 Seminarraum 25
20. April 2026, 11:00–16:00 Seminarraum 20
21. April 2026, 16:00–18:00 Seminarraum 25
01. Juni 2026, 16:00–18:00 Seminarraum 9
02. Juni 2026, 16:00–18:00 Seminarraum 20
08. Juni 2026, 16:00–18:00 Seminarraum 25
09. Juni 2026, 16:00–18:00 Seminarraum 25

LV-Anmeldung

Ab 02. Februar 2026, 09:00
Per Online Anmeldung

Lehramt: Unterrichtsfach kkp (Bachelor): Wissenschaftliche Praxis: FOR: aus Kunsttheorie 067/003.20

Lehramt: Unterrichtsfach kkp (Bachelor): Wissenschaftliche Praxis: FOR: Lehrveranstaltungen nach Wahl aus Wissenschaftliche Praxis 067/003.80

Lehramt: Unterrichtsfach kkp (Master): Wissenschaftliche Praxis: Lehrveranstaltung nach Wahl aus wissenschaftlicher Praxis, SE 067/003.80

Lehramt: Unterrichtsfach kkp (Erweiterungsstudium): Wissenschaftliche Praxis: FOR: Seminar aus dem Bereich Kunst- und Kulturwissenschaften 067/003.25

Lehramt: Unterrichtsfach kkp (Erweiterungsstudium): Wissenschaftliche Praxis: FOR: Lehrveranstaltungen nach Wahl aus Wissenschaftliche Praxis 067/003.80

Lehramt: Unterrichtsfach tex (Master): Wissenschaftliche Praxis: Lehrveranstaltung nach Wahl aus wissenschaftlicher Praxis, SE 071/003.80

Lehramt: Unterrichtsfach dae (Master): Wissenschaftliche Praxis: Lehrveranstaltung nach Wahl aus wissenschaftlicher Praxis, SE 072/003.80

Lehramt: Unterrichtsfach dex (Bachelor): Wissenschaftliche Praxis: FOR: Lehrveranstaltungen nach Wahl aus Wissenschaftliche Praxis 074/003.80

Lehramt: Unterrichtsfach dex (Master): Wissenschaftliche Praxis: Lehrveranstaltung nach Wahl aus wissenschaftlicher Praxis, SE 074/003.80

Lehramt: Unterrichtsfach dex (Erweiterungsstudium): Wissenschaftliche Praxis: FOR: Seminar aus dem Bereich Kunst- und Kulturwissenschaften 074/003.25

Lehramt: Unterrichtsfach dex (Erweiterungsstudium): Wissenschaftliche Praxis: FOR: Lehrveranstaltungen nach Wahl aus Wissenschaftliche Praxis 074/003.80

TransArts - Transdisziplinäre Kunst (Bachelor): Theoretische Grundlagen: Theoretische Grundlagen 180/003.01

Expanded Museum Studies (Master): Wahlfächer: Kunsttheorie 537/080.12

Bühnengestaltung (2. Studienabschnitt): Kunsttheorie und Kulturwissenschaften: Kunsttheorie 542/207.03

Medienkunst: Transmediale Kunst (2. Studienabschnitt): Wissenschaft, Theorie und Geschichte : Kunsttheorie 566/208.13

Medienkunst: Digitale Kunst (2. Studienabschnitt): Wissenschaft, Theorie, Geschichte: Kunsttheorie 567/208.13

Kunst- und Kulturwissenschaften (Master): Wahlbereich 1: Kunsttheorie 568/005.05

Kunst- und Kulturwissenschaften (Master): Wahlbereich 2: Kunsttheorie 568/006.05

Design: Design und narrative Medien (2. Studienabschnitt): Methodische und theoretische Grundlagen: Geistes- und Kulturwissenschaften 576/203.02

Konservierung und Restaurierung (2. Studienabschnitt): Geisteswissenschaften: Kunst- und Kulturgeschichte 588/204.10

Bildende Kunst (2. Studienabschnitt): Wissenschaftliche und forschende Praxis: Kunsttheorie, Kulturwissenschaften, Kunstgeschichte, Philosophie 605/202.01

Bildende Kunst (2. Studienabschnitt): Wissenschaftliche und forschende Praxis: frei wählbar aus wissenschaftliche und forschende Praxis 605/202.80

Design: Angewandte Fotografie und zeitbasierte Medien (2. Studienabschnitt): Methodische und theoretische Grundlagen: Geistes- und Kulturwissenschaften 626/203.02

Mitbelegung: möglich

Besuch einzelner Lehrveranstaltungen: möglich