Neue Narrative! Die Rolle der Kunst in einer Zeit der Krisen.
Klaus Speidel
Institut für Bildende & Mediale Kunst, TransArts
2026S, wissenschaftliches Seminar (SEW), 4.0 ECTS, 2.0 SemStd., LV-Nr. S05854
Beschreibung
Welche Rolle kann die Kunst in Krisenzeiten spielen? Wie können Künstler*innen behaupten, systemrelevant zu sein, wenn ebendiese Systeme kollabieren? Wie kann sich die Kunst den aktuellen Herausforderungen stellen? Wie kann sie neu definieren, wie wir sehen, denken, fühlen und handeln? Welche neuen Erzählungen und Bilder – aus Kunst, Geste, Klang oder Raum – können uns helfen, die Gegenwart adäquat zu beschreiben und eine Vision dafür zu entwickeln, wie es besser werden könnte?
Um diese Fragen zu konkretisieren, setzen wir uns das Ziel, adäquatere Bilder und Erzählungen für die Gegenwart zu produzieren, als die klischeehaften Darstellungen, die allerorts dominieren (blaue sexualisierte Roboterinnnen für KI, schrumpfende Gletscher für Klimawandel, brennende Autos für Proteste...). Darauf wollen wir uns in diesem Semester konzentrieren und sie auf einer Online-Plattform zu versammeln und beim Angewandte Festival zu präsentieren.
Dieses Seminar lädt euch dazu ein, euch direkt und unvoreingenommen mit den Dringlichkeiten der Gegenwart auseinanderzusetzen. Anstatt uns auf ironische Distanz, akademische Gesten oder elitäre Verweise auf die Kunstgeschichte zu beschränken, ermutigt dieser Kurs euch, zu fragen: Was ist für mich jetzt am wichtigsten? Was steht auf dem Spiel? In welcher Art von Welt möchte ich leben – und wie kann ich Kunst machen, die für diese Welt Relevanz hat?
Es ist ein Seminar für alle, die der Zustand der Welt und der Zustand der Kunstwelt beschäftigt und die sich fragen, wie sie es schaffen, dass ihr Arbeit nicht nur von einer relativ kleinen Elite von Expert*innen, Künstler*innen und Kolleg*innen wahrgenommen wird?
Ein wichtiges Ziel ist dabei, adäquatere Bilder für die Gegenwart zu schaffen, als die klischeehaften Darstellungen, die allerorts dominieren (blaue sexualisierte Roboterinnnen für KI, schrumpfende Gletscher für Klimawandel, brennende Autos für Proteste...). Darauf wollen wir uns in diesem Semester konzentrieren und sie auf einer Online-Plattform zu versammeln und beim Angewandte Festival zu präsentieren.
Sind nicht viele Künstler*innen, die wir besonders schätzen, oft solche, die mehr getan haben, als elitäre Gesten zu machen? Als Francisco Goya Die Katastrophen des Krieges schuf, idealisierte er nicht den Widerstand. Stattdessen zeigte er das Grauen, die Absurdität und die Brutalität der Gewalt und ihre Wirkung auf Psyche und Körper der Menschen. Käthe Kollwitz' schonungslose Darstellungen von Krieg, Hunger und Verlust wurden zu kraftvollen Symbolen des Widerstands und der Menschenwürde, die in der Antikriegs- und Arbeiterbewegung bis heute Verbreitung finden. Und als George Grosz die herrschende Klasse des Weimarer Deutschlands karikierte, entlarvte er die groteske Allianz von Macht, Korruption und Grausamkeit im entstehenden Nazi-Deutschland.
Während viele andere Künstler*innen Palastdekorationen schufen oder für die bürgerliche Avantgarde auftraten, reagierten sie auf die Krisen ihrer Zeit und schufen trotz oder wegen ihres Aktivismus große Kunst. Ist es nicht einer Zeit vielfältiger, sich überschneidender Krisen, auch wieder Zeit dafür?
Teilnehmer*innen des Seminars wählen ein Thema aus, das ihnen besonders am Herzen liegt – sei es ökologisch, politisch, persönlich oder systemisch – und untersuchen, wie künstlerische Praxis zu einer besseren Zukunft beitragen kann. Dabei loten wir die Grenzen und Möglichkeiten des Erzählens (visuell, poetisch, aktivistisch, spekulativ) aus und unterstützen einander gegenseitig bei der Entwicklung individueller oder gemeinschaftlicher Arbeiten, die nicht nur kritisch und engagiert, sondern auch bewegend und künstlerisch sind.
Um unsere Arbeit zu kontextualisieren, sehen wir uns historische Werke von Künstler*innen wie Tarsila do Amaral an, die in Estratosfera (1947) eine zerbrechliche, menschliche Form zeigt, die von drohenden Maschinen und dichtem Rauch erdrückt wird, wie eine Seele, die in den Ruinen der Moderne schwebt. Oder wir beschäftigen uns mit Künstler*innen wie Adrian Piper, deren konzeptionelle Strenge und verkörperte Performance-Kunst Rassismus, Sexismus und die Grenzen zwischen Kunst und Leben überschreitet.
Sie alle bieten Visionen, die von den Feuern ihrer Zeit geprägt sind. Als Teil des Kurses veranstalten wir eine Reihe öffentlicher Vorträge mit eingeladenen Gastkünstlern, die alle an der Schnittstelle von Kunst und Aktivismus arbeiten und sich oft mit ökologischen und politischen Fragestellungen befassen. Diese Gespräche finden jeweils am Montagabend im Depot – Kunst und Diskussion im 9. Wiener Gemeindebezirk statt und bieten weitere Perspektiven, wie Kunst in die Gegenwart eingreifen und neue Vorstellungswelten gestalten kann. Bitte stellt also sicher, dass ihr auch an diesen Terminen verfügbar seid.
Prüfungsmodalitäten
Der Kurs ist offen für Studierende aller Fachrichtungen. Die Formate können Installation, Text, Zeichnung, Performance, Video, Ton oder Mischformen umfassen – solange sie darauf abzielen, sich mit der Welt, wie sie ist und wie sie sein könnte, auseinanderzusetzen. Um den Kurs vollständig zu validieren und die entsprechenden ECTS-Punkte zu erhalten, müssen Sie mindestens 80 % der Unterrichtsstunden besuchen sowie die fortlaufenden Übungen und ein Abschlussprojekt (Entwurf) realisieren.
Anmerkungen
Es gibt eine Reihe öffentlicher Vorträge mit eingeladenen Gastkünstlern im Depot. Diese öffentlichen Veranstaltungen sind Teil des Seminars. Bitte halten sie sich die Abende frei.
Schlagwörter
anthropocene, pyrocene, activism, artivism, avant-garde
Termine
04. März 2026, 10:30–12:30 Seminarraum 20
11. März 2026, 10:30–12:30 Seminarraum 20
18. März 2026, 10:30–12:30 Seminarraum 20
15. April 2026, 10:30–12:30 Seminarraum 20
22. April 2026, 10:30–12:30 Seminarraum 20
29. April 2026, 10:30–12:30 Seminarraum 20
06. Mai 2026, 10:30–12:30 Seminarraum 20
20. Mai 2026, 10:30–12:30 Seminarraum 20
27. Mai 2026, 10:30–12:30 Seminarraum 20
03. Juni 2026, 10:30–12:30 Seminarraum 2 , „Achtung! Anderer Raum/anderes Gebäude“
10. Juni 2026, 10:30–12:30 Seminarraum 20
17. Juni 2026, 10:30–12:30 Seminarraum 24
24. Juni 2026, 10:30–12:30 Seminarraum 20 , „Anderer Raum!“
01. Juli 2026, 10:30–12:30 Seminarraum 10 , „Anderes Gebäude/anderer Raum“
LV-Anmeldung
Von 02. Februar 2026, 09:00 bis 11. März 2026, 09:00
Per Online Anmeldung
Studienplanzuordnung
TransArts - Transdisziplinäre Kunst (Bachelor): Theoretische Grundlagen: Theoretische Grundlagen 180/003.01
Bildende Kunst (2. Studienabschnitt): Künstlerische und forschende Praxis: frei wählbar aus künstlerische und forschende Praxis 605/201.80
Mitbelegung: möglich
Besuch einzelner Lehrveranstaltungen: möglich