The long shadow of Walter Benjamin and the age of digital materialization
Felix Koberstein
Institut für Kunstwissenschaften, Kunstpädagogik und Kunstvermittlung, Expanded Museum Studies
2026S, Vorlesung und Übungen (VU), 2.0 ECTS, 2.0 SemStd., LV-Nr. S05747
Beschreibung
“The recording is the foundation of everything that follows”, schreibt Adam Lowe in der Einleitung zu dem Sammelband The Aura in the Age of digital Materiality – Rethinking Preservation in the Shadow of an uncertain Future (Lowe 2020:15) und bezieht sich damit auf die Produktionsprozesse digitaler Reproduktionsverfahren. In den letzten Jahren sind eine Vielzahl durch neue Technologien hervorgebrachte Anwendungen entstanden – von der Photogrammetrie über die Lasertriangulation bis hin zum LiDAR-Scanning –, die eine bisher ungesehene Qualität bei der digitalen Erfassung und Re-Modellierung kulturellen Erbes hervorbringen können, gleichzeitig jedoch nicht nur neue Voraussetzungen und Möglichkeiten für Kulturinstitutionen schaffen.
Im Kontext transdisziplinärer Kollaborationen mit Technologiepartnern, zeigen durch jene Unternehmen produzierte Narrative ihre Wirkung, die meist durch eine technikbasierte Programmatik des problem-solving geprägt sind und schnelle und gut vermarktbare Lösungen propagieren. Die Adressierung gesellschaftlicher Probleme passiert dabei, wenn überhaupt, nur oberflächlich. Ein gesellschaftlicher Nutzen kann jedoch nur im Einklang mit einer kritisch-theoretischen Reflexion ausgelotet werden, was sich bisher als nicht synchron darstellt: Waren Reproduktionsdebatten des 20. Jahrhunderts im Feld der Kunstmuseen eher durch den Authentizitätsbegriff der Aura und eine damit einhergehende Stärkung des Originals geprägt, nähern sich die Ergebnisse heutiger Verfahren der Qualität ihrer Referenzobjekte, übersteigen diese mitunter sogar erheblich und bringen dadurch die kunsthistorische Lehrmeinung von der Aura des Originals ins Wanken. Der Philosoph Bruno Latour weist in diesem Zusammenhang auf das Paradoxon hin, dass die Begeisterung für das Original eher zu- als abnimmt, umso mehr und vielfältiger Kopien in Umlauf gebracht werden (Vgl. Latour&Lowe 2011). Der Kunsttheoretiker Boris Groys aktualisiert Walter Benjamins Konzept sogar soweit, dass er – im Gegensatz zu Benjamin, der bei der mechanischen (Re-)produktion von Kunstwerken die Entstehung von Objekten ohne Aura kritisierte – bei der digitalen (Re-)Produktion die Loslösung der Aura vom Objekt feiert (Groys 2016). Im Angesicht planetarer Krisen, bekommt die digitale Reproduktion kulturellen Erbes zudem eine politische Dimension, wie sich beispielsweise bei dem Ausruf der ersten “Digital Nation” durch den vom Versinken im Pazifik bedrohten Inselstaat Tuvalu zeigt, der damit begonnen hat, seine Archipele detailliert einzuscannen und jene digital twins als 3D-Modelle in den digitalen Raum zu migrieren (Vgl. Dekker 2025). Doch obwohl bereits Theoretiker:innen diese und andere Perspektiven auf das Verhältnis von Original und Kopie vorschlagen, wirkt der lange Schatten Walter Benjamins dabei bis heute nach.
In dieser Vorlesung & Übung beschäftigen wir uns mit der Theorie und Praxis digitaler Reproduktionstechniken im Kontext musealer Ausstellungs- und Sammlungsarbeit. Ziel ist es, ausgehend von einer kritischen Auseinandersetzung mit einschlägigen Texten zum Aura-Begriff, digitaler Materialität und weiteren damit im Zusammenhang stehenden Konzepten, aktuelle Handlungsfelder zu erproben – wir werden gemeinsam Modellprototypen herstellen – und die zukünftige Rolle jener Technologien zu diskutieren.
Termine
24. März 2026, 14:00–15:00 Seminarraum Postgasse (Vorbesprechung)
14. April 2026, 14:00–17:00 Seminarraum Postgasse , „Theoretische Vertiefung“
21. April 2026, 14:00–17:00, „Praxis 1“
28. April 2026, 14:00–17:00, „Praxis 2“
12. Mai 2026, 18:00–20:00 FLUX 2 , „Abendvortrag: Prof.in Dr. Sophia Prinz (ZHdK, Zürich)“
02. Juni 2026, 18:00–19:30 Hörsaal 1 , „Paneldiskussion 1“
12. Juni 2026, 18:00–19:30 Hörsaal 1 , „Paneldiskussion 2“
LV-Anmeldung
Ab 02. Februar 2026, 09:00
Per Online Anmeldung
Studienplanzuordnung
Expanded Museum Studies (Master): Expanded Museum Studies: Expanded Museum Studies 537/002.01
Mitbelegung: möglich
Besuch einzelner Lehrveranstaltungen: möglich