Drama
Matthias Seier
Institut für Sprachkunst , Institut für Sprachkunst
2026S, Vorlesung und Übungen (VU), 4.0 ECTS, 2.0 SemStd., LV-Nr. S05648
Beschreibung
Uncreative Writing mit den Stimmen einer Stadt
Was geschieht, wenn Schreiben nicht länger als Ausdruck innerer Originalität begriffen wird, sondern als Akt des Sammelns, Transkribierens, Verschiebens und Neu-Kontextualisierens? Wenn Text also nicht primär erfunden, sondern vorgefunden wird – als Material, das bereits zirkuliert, gesprochen, gepostet, gesendet wurde?
Der in Wien lebende Künstler Stephan Thierbach bewegt sich seit gut einem Jahr als „Wiener Volksohr“ in einem mikrofonierten Ohr-Kostüm durch die Gassen Wiens. In Kneipen, auf Demos und im Straßenalltag entsteht durch sein radikales Zuhören ein vielstimmiges Textarchiv urbaner Gegenwart – roh, ungefiltert, widersprüchlich. Der Dramatiker Wolfram Lotz collagiert für sein Buch „Träume in Europa“ anonyme Traumprotokolle aus Reddit-Foren zu eigenständigen literarischen Miniaturen. Der Konzeptkünstler Kenneth Goldsmith erhebt mit „Day“ die vollständige Abschrift einer New York Times-Ausgabe zur Literatur und transformiert in „Traffic“ 24 Stunden flüchtiges Verkehrsradio in literarische Dauer. Die Schriftstellerin Sophie Calle lässt den Trennungsbrief ihres Ex-Partners von 107 Frauen interpretieren und vervielfältigt so eine intime Botschaft zum kollektiven Echo. Und der Filmemacher James Benning realisiert radikal handlungsarme Filme, in denen minutenlange Einstellungen von Wolkenformationen, Seenlandschaften oder Vorstadtsiedlungen Wahrnehmung selbst zum Ereignis werden lassen.
All diesen künstlerischen Praktiken ist gemein, dass sie Begriffe der Autor*innenschaft, Originalität, Kreativität und Aufmerksamkeit neu verhandeln. Im Seminar wollen wir gemeinsam Strategien des Kopierens, Transkribierens, Sammelns, Archivierens und Collagierens analysieren und praktisch erproben. Dabei widmen wir uns grundlegenden Fragen: Was bedeutet Autorschaft im Zeitalter digitaler Reproduzierbarkeit? Wann und wie wird Dokumentation zu Literatur? Was ändert sich im Ergebnis, wenn Aufmerksamkeit selbst zur zentralen künstlerischen Geste wird? Und welche ethischen wie politischen Implikationen hat das Arbeiten mit fremden Stimmen?
Entscheidend ist jedoch die Übertragung auf die eigene Praxis: Wie lassen sich aus rohen Transkripten z.B. bühnenfähige Sprechtexte oder szenische Anordnungen entwickeln? Wie schält man aus Text- und Informationssalat Konflikte, Widersprüche und Gefühle heraus? Welche O-Töne werden ausgewählt, welche lässt man links liegen? Und wie können sich gerade in formaler Beschränkung neue Freiräume eröffnen?
Ziel des Seminars ist es, ausgehend vom Material des Wiener Volksohrs sowie aus eigenen „Uncreative Writing“-Experimenten eigenständige Texte zu entwickeln. Diese sollen im Rahmen einer Lesung im Volkstheater im Herbst 2026 öffentlich präsentiert werden.
Prüfungsmodalitäten
Schreib- und Praxisübungen bilden die Benotungsgrundlage. Des Weiteren sind regelmäßige Anwesenheit, Lektüre sowie Beteiligung an den Seminargesprächen Voraussetzung zur erfolgreichen Teilnahme.
Termine
Mo., 09. März 2026, 12:00–16:00 Seminarraum 9
Fr., 13. März 2026, 12:00–16:00 Seminarraum 9
Do., 23. April 2026, 12:00–16:00 Seminarraum 9
Mo., 27. April 2026, 12:00–16:00 Seminarraum 9
Mo., 11. Mai 2026, 12:00–16:00 Seminarraum 9
Mo., 08. Juni 2026, 12:00–16:00 Seminarraum 9
LV-Anmeldung
Von 02. Februar 2026, 09:00 bis 27. Februar 2026, 12:00
Per Online Anmeldung
Studienplanzuordnung
Sprachkunst (Bachelor): Literarische Gattungen (Kurzprosa, Lyrik, Essay, Drama, Romanformen): Drama 170/003.51
Mitbelegung: möglich
Besuch einzelner Lehrveranstaltungen: möglich