Theorie-Seminar

Theresia Prammer
Institut für Sprachkunst , Institut für Sprachkunst
2026S, wissenschaftliches Seminar (SEW), 5.0 ECTS, 2.0 SemStd., LV-Nr. S04410

Beschreibung

„Worüber man nicht sprechen kann…“ Das Unaussprechliche in der Literatur

Das Motiv des Unsagbaren hat in der Literatur und Rhetorik eine lange Tradition. Anders als etwa in der Praxis des Zen, wo die Erfahrung von Einheit und Erleuchtung der wörtlichen Bestätigung nicht bedarf, sucht literarisches Sprechen nach Mitteln und Wegen, inneres und äußeres Erleben gestaltend zu ergründen. Aber was drückt sich aus und was bleibt dabei auf der Strecke? In einem Literaturbetrieb, der Sichtbarkeit einfordert und Unverfügbarkeit nicht verzeiht (und das symbolische Potential sehr ungleich verteilt), hat das Unaussprechliche anscheinend keinen Platz. Der Boom des autofiktionalen Schreibens wäre ohne das Vertrauen in die Darstellbarkeit von Leben, Gefühl, Biografie nicht denkbar; die Zeichen und Inhaltsskepsis der Avantgarden des 20. Jahrhunderts ist in den Hintergrund gerückt.

Aber wovon kann die Literatur heute sprechen und wovon - worüber , mit Wittgenstein - sollte sie schweigen? Welche Ereignisse, Katastrophen, Kriege verschlagen einem zurecht die Sprache? Hinkt die Verschriftlichung der Erfahrung einerseits hinterher, werden sprechend doch ebenso Erfahrungen gemacht und erreichen ein anderes als das verabredete Ziel. In der Verschriftlichung verändert jeder Bericht seinen Charakter; zugleich kann das Schreiben ein Weg sein, um herauszufinden, was überhaupt der Rede wert ist. Wenn der Weg des Schreibens einen Umweg, einen Prozess der Übersetzung und Verwandlung erfordert, öffnen die Hindernisse, die einem dabei begegnen, einen durchaus eigenen Erfahrungsraum. 

Im Seminar beschäftigen wir uns einerseits mit Fragen der literarischen Darstellung im Zeichen des Vitalismus und der Überwältigung, andererseits mit ihrem Gegenteil: der Notwendigkeit zu schweigen bzw. das Reden im Schweigen, das Schweigen im Reden aufzuheben. Dem vielfach variierten Topos des Unaussprechlichen wollen wir, bei Dantes Göttlicher Komödie beginnend (Italienisch-Kenntnisse sind nicht Bedingung), in Betrachtung und Erörterung moderner Sprachkunstwerke nachgehen.

 

 

Prammer, Theresia Univ.-Lekt. Mag. Dr.

Reservierungs-Nummer: 276968

S04410 - Theorie-Seminar (SEW)

09.03.2026 - 14:00 bis 18:00 | Seminarraum 33 (GCP, HP)

10.03.2026 - 10:00 bis 14:00 | Seminarraum 33 (GCP, HP)

11.03.2026 - 10:00 bis 14:00 | Seminarraum 30 (GCP, 1.OG)

20.04.2026 - 14:00 bis 18:00 | Seminarraum 33 (GCP, HP)

21.04.2026 - 10:00 bis 14:00 | Seminarraum 33 (GCP, HP)

22.04.2026 - 10:00 bis 14:00 | Seminarraum 30 (GCP, 1.OG)

 

Prüfungsmodalitäten

Ein mündlicher und ein schriftlicher Beitrag nach Absprache. Eigene Lektürevorschläge erwünscht.

 

Anmerkungen

 

Einige Lektüreangebote:

 

Dante Alighieri: La Commedia / Die göttliche Komödie 

Franz Kafka: „Das Schweigen der Sirenen“ (1917) und andere Texte 

Samuel Beckett: Endspiel (1956), Comment c’est / Wie es ist (1961) und T.W. Adorno: Versuch, das Endspiel zu verstehen (1961) 

John Cage: Silence (1961)

Andrea Zanzotto: La beltà (1968) / Pracht (2001)

Ernst Jandl: Zweifel an der Sprache (1973)

Pier Paolo Pasolini: Ketzererfahrungen: "Empirismo eretico" (1972, dt. 1979)

Inger Christensen: Alphabet (1981), „Der Geheimniszustand und Gedicht vom Tod“ (2000)

Ilse Aichinger: Kleist, Moos, Fasane (1987)

Heimrad Bäcker: Nachschrift (1986)

Marguerite Duras: Écrire (1993)

Paul Celan: Gedichte, nach Absprache

Herta Müller, pars pro toto: Die Atemschaukel (2009) 

LV-Anmeldung

Von 02. Februar 2026, 09:00 bis 27. Februar 2026, 12:00
Per Online Anmeldung

Sprachkunst (Master): Theorie: Theorie-Seminar 570/003.10

Mitbelegung: möglich

Besuch einzelner Lehrveranstaltungen: möglich