Tagung Politik und Philosophie

Antonia Birnbaum
Art Sciences and Art Education, Philosophy
2020W, Vorlesungen (VO), 2.0 ECTS, 2.0 semester hours, course number S03550

Description

Die Politik scheint heute von einigen grundlegenden Paradoxien durchwirkt zu sein. Meist will sie mit großer Eindeutigkeit auftreten und erzeugt doch eine diffuses Feld an Meinungen und Gefühlen; sie will gemacht und beherrscht werden und drückt sich doch in der Zufälligkeit von Ereignissen aus. Sie scheint Ausdruck unmittelbarer Bedürfnisse zu sein und bleibt doch auf die Vermitteltheit von Medien und Diskursen angewiesen. Ihre Aktualität und Dringlichkeit scheint konstitutiv anzudauern; und letztlich sind ihre Omnipräsenz und ihr Verschwinden kaum mehr voneinander unterscheidbar. Angesichts dieser vielfältigen Paradoxien reicht es nicht aus, die Politik im mobilisierenden Gestus einzufordern; sie muss gedacht und kritisiert werden – im Spannungsfeld zwischen ihren Bedingungen und Voraussetzungen auf der einen Seite und ihren Zielsetzungen und Zwecken auf der anderen – um überhaupt politisch sein oder werden zu können. Die Blocklehrveranstaltung möchte sich dieser Aufgabe auf doppelte Weise annähern: durch eine konkrete Kritik der Politik und durch die Frage nach dem Verhältnis von Philosophie und Politik.

 

A. Zur Kritik der Politik

Politik kann es ohne konkret-empirische Beanspruchungen nicht geben, schließlich geht es um die grundlegenden Fragen des Überlebens und des Zusammenlebens; und doch kann Politik selbst nicht einfach und immer die Antwort sein, weil sie selbst Bedingungen hat und auf bestimmten: historischen, gesellschaftlichen und symbolischen Voraussetzungen – der transzendentalen Idealität ihre Zielsetzungen etwa – beruht. Diese Voraussetzungen und Zwecke der Politik sind für die Politik selbst Koordinaten eines Problems geworden, das Problem seiner eigenen Form und Wirkung. Denn heute kann Politik nicht mehr auf die regulative Funktion des Staates und seinen institutionellen Apparat reduziert werden (Wahlen); man kann sie keineswegs aus vermeintlich objektiven gesellschaftlichen Kausalitäten (Klassenantagonismus) deduzieren, und sie verfügt über keine Teleologie (die historische Verwirklichung der universellen Menschheit).

Genau um diesen ausbleibenden Grund der Politik geht es immer wieder in jeder konkreten, emanzipatorischen Praxis des kollektiven Denkens und Handelns. Deshalb impliziert Politik immer auch eine Kritik der Politik, und zwar in einem doppelten Sinne. Zum einen ist die kategorische Unerreichbarkeit ihrer Zwecke für die Politik selbst längst zum Zweck geworden und somit zum Indikator der Abwesenheit jeder Ordnung oder Instanz, die die gesellschaftlichen Ideale, das gute Leben und das Leben überhaupt garantieren könnte. Somit ist die Politik selbst, sowohl in ihrer Form wie in ihrer Zweckmässigkeit oder ihrer Idealität, an ihre eigene irreduzible Instabilität gebunden. Als solche schreibt sie sich in jede Erfahrung von Politik ein, in ihre Subjektivierungs- und Kollektivierungsweisen; ihre Objekte und Lokalisierungen; ihre Kämpfe und Konflikte. Zum anderen betrifft eine Kritik der Politik nicht einfach die Effektivität der politischen Akte, sondern auch die kollektiven Materialisierungen und Funktionsweisen der Politik im Rahmen der gegenwärtigen kapitalistischen, medialen und imperial-postkolonialen Ordnung. In diesem zweiten Sinne ist jede „politische Kritik“ auch auf eine Kritik der Politik angewiesen, die sich mit den Diskursen befasst, die um sie kreisen und ihre Verhältnisse zum Ethischen, zur Gesellschaft, zu ihren Einschreibungen in und Umschreibungen des symbolischen Raums adressieren: Diskurse über Machtrelationen und antagonistische Konstellationen, die Auswirkungen der Triebe und der sexuellen Differenz, die Objektivitätsansprüche einer „Politikwissenschaft“ oder einer politischen Soziologie und schließlich über die Verschiebungen in der Geographie des Kapitals.

Dementsprechend soll in diesem ersten Teil der Blocklehrveranstaltung daher besonders Augenmerk auf die Frage gelenkt werden, wie sich die unterschiedlichen institutionellen und informellen, radikalen und reformistischen, kulturellen, medialen und künstlerischen Formen der Politik zu ihren jeweiligen symbolischen Bedingungen zwischen empirischer Praxis und transzendental-spekulativer Idee verhalten. Wie kann etwa der moralisch-ethische Motivationsaspekt der Politik aus dieser grundlegenden Differenz, der Spannung zwischen Notwendigkeit und Unmöglichkeit einer definitiven Verkörperung, heraus verstanden werden, und wie können die unbeabsichtigten Wirkungen des jeweiligen Engagements, die Mehrdimensionalität der sozialen Konflikte oder die Instabilität der politischen Zeichen bzw. Kodierungen, unter denen jede politische Mobilisierung heute leidet, adressiert werden? Wie können wir die Porositäten, die Spaltungen, die Übergänge ausdifferenzieren, die nicht nur jede Politik, sondern auch jede Kritik der Politik durchziehen?

 

B. Politik und Philosophie

Die Differenz von Philosophie und Politik hat sich als ein irreduzibles Problem erwiesen, das sowohl aus der klassischen politischen Philosophie wie aus jeder programmatisch festgeschriebenen Politik hinausführt. Der zweite Teil der Tagung nimmt sich vor, das Verhältnis von Philosophie und Politik an der Untersuchung dieser Differenz nochmals zu erproben. Wie ist dieses Verhältnis zu denken, welche Brechungen erfahren sowohl Politik wie Philosophie, wenn sie sich aufeinander beziehen?

In der Philosophie wurde Politik tendenziell aus ihrer eigenen totalisierenden Rationalität abgeleitet, die der konfliktuellen, kollektiven Dimension der Politik ein Ende bereiten sollte. Genauer: Politik wurde anderswo gedacht, als aus ihren eigenen polemischen Auseinandersetzungen heraus, und demzufolge wurde sie von anderen gedacht als von dem „großen Haufen“ (Plato). An dieser stellt leuchtet eine erste Differenz auf, die Differenz der Politik der Philosophen (Sokrates) zur Politik gemeinsamer politischer Konflikte (Athen). Gegenüber der Politik als einer kollektiven Praxis des Konflikts hat Philosophie beansprucht, die Zwecke und Verwirklichung der Politik aus der Begründung eines Lebens in der Wahrheit abzuleiten: durch die Konzeption „guter“ Regierungsformen, durch die ethische Umkehrung der „Mächtigen“. Solange sie auf diese Weise Politik als eine der Bereiche ihrer eigenen rationellen Gesetzgebung begreift, kann sie der Politik gar nicht als eine andere, eigene Form der Rationalität begegnen, die das philosophische Denken stört, es in sich spaltet, zur Erneuerung anhält. Unterwirft sich Philosophie die Politik, so verwirft sie die Politik. In diesem Sinne ist die Philosophie auf die Politik angewiesen, ohne sie ableiten zu können.

Politik wiederum ist eine kollektive Form des Denkens, die mit dem Herrschaftssog der Rationalität bricht; sie ist Wiederkehr, durch die Schieflagen der Kämpfe, der Symbolisierungen und der Akten derer, die in der gegebenen Ordnung keinen Platz haben, die in ihr gar nicht existieren. Die Rationalität von Politik macht die Koordinate des Universellen zu einem gemeinsamen, strittigen Problem. Konflikt und Antagonismus bilden die spezifische Vernunft des Politischen, die es auch immer mit Gewalt zu tun hat.

Subjekte der Politik sind immer kollektive Gruppierungen (das Proletariat, die Frauenbewegung, die anti- und post-koloniale Bewegungen, Besetzungsgruppen). Doch wie erfährt sich eine Gruppierung als politische Gruppierung, was macht ihre Konsistenz, ihre innere Organisation, ihre Porosität, ihre Abgrenzungen aus? Wie verbinden sie Zwecke mit ihren kollektiven Verfahrensweisen, materielle und intellektuelle Praktiken des Denkens, die jetzige Emanzipation mit dem Kampf um die Zukunft? Hier trifft man auf ein Dilemma der Politik. Beschränkt sich Politik ausschließlich auf den Kampf, so produziert sie eine militante Identität, die sich vom „befreiten Leben“ abschneidet, für das sie kämpft. Gibt sie aber ihre kämpferische Rationalität auf, so lösen sich ihre vermeintlich „alternativen“ Gliederungen des Gesellschaftlichen immer wieder in ihrer kapitalistischen Verwertung auf.

In diesem Sinne kann die kämpferische Tendenz der Politik nie als alleinherrschende Rationalität gelten, auch nicht an ihr selbst. Politische Vernunft ist auf den anderen Denkformen angewiesen, deren Spaltung sie bewirkt. Genau an dieser Schnittstelle trifft Politik wieder auf die Notwendigkeit philosophischer Untersuchungen des Denkens, aber diesmal in einer radikal verwandelten Konstellation.

 

Examination Modalities

 

 

 

Examination Modalities

Anwesenheit, Mitarbeit, kurzer Text

 

Comments

 

Blocklehrveranstaltung mit Gästen (gemeinsam mit Helmut Draxler)

Vorbesprechung: 15. Januar 2021, 14 - 16 Uhr, Hörsaal 1

26./ 27. / 28. Januar 2021

jeweils 13 – 19 Uhr im Hörsaal 1

Course Enrolment

From 01 August 2020, 14:12
Via online registration

co-registration: possible

Art Education: subject kkp (Bachelor): FOR: Lehrveranstaltungen nach Wahl aus Wissenschaftliche Praxis

Art Education: subject kkp (Enhancements study): FOR: Lehrveranstaltungen nach Wahl aus Wissenschaftliche Praxis

Art Education: subject tex (Bachelor): FOR: Lehrveranstaltungen nach Wahl aus Wissenschaftliche Praxis

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Art Education: subject dex (Bachelor): FOR: Lehrveranstaltungen nach Wahl aus Wissenschaftliche Praxis

Art Education: subject dex (Enhancements study): FOR: Lehrveranstaltungen nach Wahl aus Wissenschaftliche Praxis

TransArts - Transdisciplinary Arts (Bachelor): Theoretical foundations

Stage Design (1. Section): Philosophie

Stage Design (2. Section): Philosophie

Media Arts: Specialisation in Transmedia Arts (2. Section): Philosophie

Media Arts: Specialisation in Digital Arts (2. Section): Philosophie

Kunst- und Kulturwissenschaften (Master): Electives Area 1

Kunst- und Kulturwissenschaften (Master): Electives Area 2

Design: Specialisation in Graphics and Advertising (2. Section): Humanities

Design: Specialisation in Fashion Design (1. Section): Free Elective Pool Methodological and Theoretical Basics

Conservation and Restoration (2. Section): Kunst- und Kulturgeschichte

Fine Arts (2. Section): Art Theory, Cultural Studies, Art History, Philosophy

Fine Arts (2. Section): Free Electives out of Scientific and Research Practice

Design: Specialisation in Applied Photography and Time-based Media (2. Section): Humanities

Individual courses: possible