Lehrveranstaltungsverzeichnis

Praktikum zur Erschließung außerschulischer Berufsfelder II

Karin Schneider
Institut für Kunstwissenschaften, Kunstpädagogik und Kunstvermittlung, Fachdidaktik
2016W, Vorlesung und Übungen (VU), 1.0 SemStd., LV-Nr. S01265

Beschreibung

Übersetzen in den Zeiten der Brutalität

In einem Interview das „ The Guardian“ mit dem ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis anlässlich des Britischen Referendum führte, meinte dieser „the Left should never loose sight of the 1930s“. Damals – so meinte Veroufakis – wäre versäumt worden, alle demokratischen Kräfte zu vereinen, um nicht in den Abgrund zu stürzen und heute würde sich so ein Abgrund vor unseren Augen im Zentrum Europas wieder öffnen. Falls dies passiere, so Varoufakis, wäre mit einer Brutalisierung in Europa zu rechnen.

In diesem Praktikum nehmen wir den Hinweis Varoufakis als Vorschlag, eine Verbindungslinie zwischen der Geschichte und der Gegenwart zu ziehen und entlang dieser Linie die Frage nach Brutalität und Demokratisierung auch in Kommunikationsprozessen im kulturellen Feld zu stellen. Dabei schlagen wir vor, Formen des „Übersetzens“ als maßgeblich dafür zu verstehen, handlungsmächtig zu werden oder zu bleiben – auch und gerade dann, wenn die Zeiten brutaler zu werden scheinen. Übersetzungen finden dabei nicht nur zwischen Sprachen sondern zwischen Zeiten, Orten, Texten und Symbolwelten statt und erzeugen ganz eigene Denk- und Utopie-Räume. Diese Möglichkeiten des Übersetzens wollen wir in dem Praktikum auch in der Praxis ausloten.

Das Praktikum beschäftigt sich im Wintersemester intensiver mit dem Text „Die Aufgabe des Übersetzers“ von Walter Benjamin. Gemeinsam „übersetzen“ wir Vorschläge des Textes in Verfahren einer sich auch politisch verstehenden Vermittlungspraxis.

Im Wintersemester werden die „Übersetzungsübungen“ in Museen und Ausstellungshäusern durchgeführt. Zentrale Stationen sind dabei

  • Ø der Workshop „Brutalität, ihre Sprache, ihre Foren“ den Carla Bobadilla und Andrea Hubin im Rahmen der „Wien Woche“ für die Ausstellung „Beton“ in der Kunsthalle Wien entwickelten. (Teilnahme am Workshop, Reflexion)
  • Ø Ein Workshop zur geschichtlichen Verortung des Instituts für künstlerisches Lehramt an der Akademie der bildenden Künste Wien in der Nazi-Zeit mit Barbara Mahlknecht, die u.a. zu dieser Geschichte geforscht hat (Teilnahme am Workshop, Reflexion)
  • Ø Das Projekt „Ding-Akademie“ von Andrea Hubin und Karin Schneider im Volkskundemuseum Wien. (Museumsbesuch, Projektdiskussion)
  • Ø Kritische Analyse des Wirtschaftsmuseums / Kaffee Museum Wien (Museumsbesuch, Entwicklung einer fiktiven Vermittlungskonzept-Idee als Abschlussarbeit)

Auf dem ersten Semester aufbauend (aber auch eigenständig besuchbar) arbeitet sich das Praktikum im Sommersemester an dem Begriff der „kulturellen Übersetzung“ entlang kleiner Textbeispiele postkolonialer Theoretiker_innen ab (u.a. Spivak, Gayatri 1992: „The Politics of Translation“; Homi K. Bhabha “How Newness Enters the World: Postmodern Space, Postcolonial Time and the Trials of Cultural Translation”, in: The Location of Culture 1994/2004) und beschäftigt sich mit den Möglichkeiten von „Solidarität als Übersetzung“ (Monika Mokre: Solidarität als Übersetzung. Überlegungen zum Refugee Protest Camp Vienna. Wien/ Linz/ Berlin/ London/ Zürich 2015) auch in Bezug auf künstlerisch-kommunikative Praxen.

Die Textarbeit des Sommersemesters dient vor allem dazu, Grundlagen für die Auseinandersetzung mit und das Experimentieren entlang unterschiedlicher Praxisformen zu erarbeiten, die sich an der Schnittstelle von künstlerischer, kommunikativer, forschender und politischer Arbeit im Kontext von „kulturellen Übersetzungen“, postnazistischer Migrationsgesellschaft, Refugee Solidarität,... bewegen wobei die Verbindung von Geschichte und Gegenwart in Bezug auf heutige politische Fragen und jene der 1930er Jahre weiter gedacht wird. Zentrale Stationen sind dabei u.a.

  • Ø Das Projekt „Performing the Stiegenhaus“ von Carla Bobadilla und Johanna Reiner und andere Auseinandersetzungspraxen mit Geschichte und Gegenwart der Gemeindebauten (punktuelle Mitwirkung möglich)
  • Ø Das Projekt „eine Schule erforscht ihre Geschichte“ von der Wiener Gruppe „another roadmap for arts education“ (punktuelle Mitwirkung möglich)
  • Ø Das Projekt „Migration Sammeln“, Wien Museum (Besuch und Diskussion mit Projektträger_innen)
  • Ø Das Projekt “You make law, we make history” Petja Dimitrova, Happy Akegbeleye, Clifford A. Erinmwionghae (Besuch und Diskussion mit Projektträger_innen)
  • Ø (Migrations)geschichtliche Stadtrundfahrten mit Carla Bobadilla (Mitwirkung möglich)

Prüfungsmodalitäten

Regelmäßige Teilnahme an den gemeinsamen Sitzungen und Exkursionen

Textlektüre

Ggf. Teilnahme an vereinbarten Sitzungen mit einem Arbeitsteam

Abschluss Jahresprojekt (gesamt 4 Stunden)

Mitwirken an einer künstlerischen Kommunikationssituation / Intervention im Sommersemester, schriftliche Ausformulierung ihrer Konzeptidee (2-3 Seiten)

Abschluss nur Wintersemester (zwei Stunden)

Schriftliche Ausformulierung (3- 4 Seiten) einer Konzeptidee für eine Vermittlungsaktion/Intervention

Abschluss Sommersemester (zwei Stunden)

Mitwirken an einer künstlerischen Kommunikationssituation / Intervention und schriftliche Reflexion (1-2 Seiten)

Anmerkungen

Teamteaching, Jahresprojekt und Praxisorientierung

Wie auch in den vorhergehenden Jahren lernen wir im Rahmen des Praktikums Vermittlungsformate, Institutionen und Ausstellungen u.a. in der Kunsthalle Wien, im Volkskundemuseum Wien, aber auch im Wirtschaftsmuseum Wien oder dem Wien Museum... kennen, analysieren diese und experimentieren mit und in ihnen. Das Wintersemester hat dabei einen Schwerpunkt auf Vermittlung in und für Institutionen, das Sommersemester auf künstlerisch-kommunikativen Projekten. Im Wintersemester geht es auf der Praxisebene vor allem um das Durchdenken von Vermittlungskonzepten und dem gemeinsamen Entwickeln von Ideen, im Sommersemester um kleine eigene Praxisexperimente.

Das Praktikum bietet damit eine aufbauende Abwechslung zwischen gemeinsamer Erschließung (einiger weniger) theoriebezogener Texte entlang eigener Vermittlungs- und Kommunikationsmethoden, dem Kennenlernen von Ausstellungshäusern und Vermittlungsangeboten und ihrer kritischen Reflexion, konkreter anwendungsbezogener Erfahrung von neuen Vermittlungsmethoden und dem eigenen Experimentieren mit diesen. Im Mittelpunkt steht die praktische Anwendung und die Entwicklung der Fähigkeit, die Praxis selbst kritisch zu beleuchten, weiter zu entwickeln und in einem politischen Kontext zu sehen.

Das Praktikum wird als Jahresprojekt im Teamteaching der Wiener Gruppe des Netzwerkes „Another Roadmap for Arts Education“ (Carla Bobadilla, Andrea Hubin, Barbara Mahlknecht und Karin Schneider) entwickelt. Durch diese Teamkonstellation ist den Studierenden die Möglichkeit gegeben, direkt an der Praxis der Lehrveranstaltungsleitenden zu partizipieren. Das erste Semester fokussiert tendenziell eher auf die Erschließung von Ausstellungshäusern und Vermittlungsformaten, während das Sommersemester auch Möglichkeiten eigener künstlerisch-kommunikativer Praxis in Kooperation mit den Lehrveranstaltungsleitenden bietet. Die gemeinsame Klammer bildet das Jahresthema (Geschichte, Übersetzung und politische Brutalität), welches sich erst über die Zusammenschau beider Semester umfassenden entfaltet (s.o.). Das Praktikum kann jedoch nach Bedarf auch nur ein Semester besucht werden. Werden beide Semester besucht, fällt in Relation die Abschlussarbeit etwas weniger umfangreich aus (siehe Prüfungsmodalitäten).

Jedes Semester gilt als ZWEISTÜNDIGE Lehrveranstaltung!!

Zielgruppe

Das Praktikum richtet sich an beginnende, fortgeschrittene und abschließende Studierende, die

> eine berufliche Orientierung in Richtung Kunst- und Kulturvermittlung in Museen und Ausstellungshäusern erwägen.

> einen ersten Eindruck dieses Berufsfelds erhalten wollen

> ihre vorhandenen Praxiserfahrungen vertiefen wollen.

> eine Möglichkeit der Reflexion eigener Erfahrungen suchen

> sich als angehende Lehrer_innen für die Entwicklung von Bildungsformaten im Kunst- und Kulturbereich außerhalb der Schule interessieren, auch um hier Synergien bilden zu können

> als angehende Künstler_innen Formen der künstlerischen Kunstvermittlung kennen lernen und in diesen Formaten die (eigene) Praxis (weiter) entwickeln wollen

> einen politischen Zugang zu Vermittlungsformen entwickeln wollen

> Methoden der kritischen Reflexion dieses Arbeitsfeldes ausprobieren wollen

Lehrziele

> Kommunikationsformate in öffentlichen Kunst- und Kulturräumen zu kennen, kritisch zu reflektieren und zu verstehen wie diese entwickelt werden können.

> Entwickeln eines eigenen inhaltlichen Begehrens dahingehend, warum sich die Mühen der „Übersetzung“ und „Vermittlung“ lohnen und was diese auch in politischen Kontexten bewirken können. Übersetzung dieses Begehrens in adäquate methodische Formate.

> Entwickeln der Fähigkeit theoriebezogene Angebote und künstlerische Praxen für Kommunikationsprozesse mit einer Öffentlichkeit zu nutzen.

Schlagwörter

Diskussion, Interaktive Kunst, Gespräch, Kurator_in, Kunst im öffentlichen Raum

Termine

07. Oktober 2016, 15:00–18:00 Seminarraum 7 , „Einführung in das Thema und die Lektüre“
14. Oktober 2016, 15:00–18:00, „KUNSTHALLE WIEN (Workshopbesuch)“
04. November 2016, 18:00–19:00 Volkskundemuseum Wien, Laudongasse 15--9 ,1180 Wien
18. November 2016, 15:00–18:00 , „Ort: 21er Haus, Ausstellung: "Die Sprache der Dinge" Bitte ein Ding von zu Hause mitbringen, das sich unter keinen Umständen ausstellen lassen will.“
02. Dezember 2016, 16:00–18:00 Seminarraum 7
16. Dezember 2016, 15:00–18:00, „Exkursion! Pünktlich 15.00 AULA Akademie der bildenden Kunst, Schillerplatz“
20. Jänner 2017, 15:00–18:00
27. Jänner 2017, 15:00–18:00 Hörsaal 1

LV-Anmeldung

Bis 06. Oktober 2016, 14:53
Per E-Mail: karin.schneider40@gmail.com
Per Telefon: 069919245850

Mitbelegung: möglich (1.0 ECTS)

Lehramt: Studienfach kkp (Bachelor): FOR: Lehrveranstaltungen nach Wahl aus fachdidaktische Theorie und Praxis (1.0 ECTS)

Lehramt: Studienfach kkp (Bachelor): Kunst- und Kulturvermittlung (1.0 ECTS)

Lehramt: Studienfach tex (Bachelor): Lehrveranstaltungen nach Wahl aus fachdidaktische Theorie und Praxis (1.0 ECTS)

Lehramt: Studienfach tex (Bachelor): Kunst- und Kulturvermittlung (1.0 ECTS)

Lehramt: Studienfach dae (Bachelor): Lehrveranstaltungen nach Wahl aus fachdidaktische Theorie und Praxis (1.0 ECTS)

Lehramt: Studienfach dae (Bachelor): Kunst- und Kulturvermittlung (1.0 ECTS)

Lehramt: Studienfach dex (Bachelor): Lehrveranstaltungen nach Wahl aus fachdidaktische Theorie und Praxis (1.0 ECTS)

Lehramt: Studienfach dex (Bachelor): Kunst- und Kulturvermittlung (1.0 ECTS)

Lehramt (Diplom): UF Bildnerische Erziehung / Kunst und kommunikative Praxis (2. Studienabschnitt): Schwerpunkt: Kunst und soziale Praxis (1.12 ECTS)

Lehramt (Diplom): UF Werkerziehung / Design, Architektur und Environment (2. Studienabschnitt): Schwerpunkt: Kunst und soziale Praxis (1.12 ECTS)

Lehramt (Diplom): UF Textiles Gestalten / Textil - Kunst, Design, Styles (2. Studienabschnitt): Schwerpunkt: Kunst und soziale Praxis (1.12 ECTS)

Besuch einzelner Lehrveranstaltungen: möglich (1.0 ECTS)